579. Leitfaden zur Leitkultur (TVS 11/17)

Immer wenn irgendwo bei uns mal wieder irgendeine Wahl bevorsteht, kommt irgendwann irgendwer von irgendeiner Partei mit einer wenig sinnvollen Diskussion um die so genannte ‚Deutsche Leitkultur’ angedackelt. So wie kürzlich Bundes-Inside-Minister Thomas de Maizière, der er-neut dazu aufrief über einen Katalog der verbindlichen Deutschigkeiten für Jedermann nachzudenken, an dem sich vor allem die Ausländer orientieren sollten. Auch wenn der Grundgedanke dazu vielleicht nicht mal ein falscher ist, so gestaltet es sich doch in der Praxis schwierig, eine wirklich allgemein gültige Gebrauchsanweisung zum Deutsch-Sein zu entwickeln, denn a) möchte man diese nicht von der Regierung mit erhobenem Zeigefinger in der ebenso hoch getragenen Nase vorgesetzt bekommen und b) entspricht sie meist einer eher völlig irrealen Idealvorstellung unserer nationalen Werte denn der gelebten Wirklichkeit. Bemüht um konstruktiven Umgang mit diesem dialektischen Dilemma sollten wir uns deshalb an einer realistischen Ergänzung einiger der TdM’schen Thesen versuchen.Viel zitiert, inhaltlich provokativ und grammatikalisch waghalsig: ‚Wir sind nicht Burka!’ Eher Spreewald-Gurka. Wir sind nicht Augen-schlitz-Kleidersack, wir sind Hemd und Hose, gelegentlich offen, zu weite T-Shirts und zu enge Leggins, weiße Socken und Sandalen. Wir alle zeigen jedem unaufgefordert unser Gesicht, selbst wenn bei vielen eine Verhüllung ästhetisch gesehen von Vorteil wäre. Wir achten unsere Frauen theoretisch fast gleich wie die Männer, auch wenn wir ihnen weniger bezahlen, und schlagen sie kaum, jedenfalls nur selten nüchtern. Wir geben anderen Men-schen munter schüttelnd die Hand und machen kein albern-tuckiges Bussi-Bussi links und rechts. Allgemeinbildung ist wichtig und wertvoll, deshalb sind Google und Wikipedia bei uns kostenlos. Unser Land ist geprägt von Kultur und Philosophie. Wir sind Goethe & Schiller, Kant & Klum, Barth & Hegel, Adorno & Asmussen. Wir sind Bach & Beethoven, Brahms & Bohlen, Weill & Wendler, Helene & Fischer. Wir sind das Land von Faust, Das Nibelungenlied und Emilia Galotti, aber wir müssen das intellektuelle Gekrickel zum Glück nicht lesen, sondern dürfen Das Inzestfest der Volksmusik, Traumschiff und Schwiegertochter gesucht schauen. Wir sind pure Lebensfreude, wenn es zeitlich passt, zB beim Gewinnen der Fußball-Weltmeisterschaft, beim Oktoberfest-Kotzen oder volltrunkenen Allesficken im Karneval. Wir stehen zu unserer Geschichte mit all ihren vielen Höhen wie auch dem gelegentlich kurzzeitigen Absinken der internationalen Sympathiewerte (früher mal) und sagen manchmal ganz leise bei Vollgas auf der Autobahn, dass damals auch nicht alles nur schlecht war. Wir stehen nicht für religiösen Fundamentalismus oder gewalttätigen Extremismus, um Andersgläubige von unserem Glauben zu überzeugen. Jedenfalls nicht mehr, früher schon, sogar sehr, aber da wollen wir jetzt bitte wirklich nicht schon wieder von anfangen. Unsere heutige Kirche steht für frische Verstaubtheit, modernen Konservativismus und verschwiegenen Missbrauch. Wir sind theoretisch weltoffen, jung, schön, schlank und charmant, wir duschen uns regelmäßig und riechen gut. Im Fahrstuhl furzen wir aus Respekt vor den Mitreisenden nur ganz leise kurz bevor wir aussteigen. Wir sind Wir und besser als Ihr. Das wissen wir, sagen es aber nicht öffentlich. Denn bescheiden sind wir auch noch.

Nachwuchs-Sendung

Es gibt ja kaum was Schöneres, als mäßig bekannten Prominenz-Behauptern bei ihrem mäßig unterhaltsam inszenierten Leben zuzuschauen. Und da die Protz-Geißens, Katzenbumsers und Lombardi-Loser langsam noch langweiliger werden als sie es eh schon immer waren oder sich aus Arbeitsverweigerung einfach trennen, muss dringend Nulpen-Nachschub her! RTL2 wurde fündig und präsentiert demnächst die komplette Schwangerschaft plus Kreißsaal-Pressing mit Ex-Sat1-MorningMan Peer Kusmagk und Surf-Blondie Janni Hönscheid, die sich erst kürzlich klamottenlos und pro-aktiv medienwirksam bei ADAM SUCHT EVA auf der RTL-Pimperinsel lieben lernten. Pure Romantik!

Vertonungs-Terror

SAT 1 bewies kürzlich bei der Gottschalk-Comeback-Flop-Show #742 mit dem Titel LITTLE BIG STARS, wie man ein vielleicht sogar recht nettes Format mit fröhlichen talentierten Kindern durch aggressive Unfähigkeit und schmierige Privat-TV-Arroganz komplett zerstören kann. Nach jedem einzelnen Satz eingespielte Fake-Lacher eines vor hysterischer Heiterkeit fast sterbenden Publikums plus künstliches Sitcom-Dosengekicher, sinnfrei hyperaktiv zusammengeschnitten, um dem dummen Publikum mit dem Spaß-Holzhammer die gefühllosen Instant-Emotionen in die Rübe zu donnern. Feist-freches Verarschungs-Fernsehen aus der unangenehmsten Ecke der Unterhaltungshölle, wie es wirklich keiner mag. Mein Beileid an alle betrogenen Beteiligten!

Schropp-Schätzung

Das wundert einen schon, dass da nicht schon mal jemand früher drauf gekommen ist: einfach ein paar alte DDR-TV-Shows wieder aufleben lassen! Muss ja nicht gleich der SCHWARZE KANAL oder EIN KESSEL BUNTES sein – aber so eine harmlose kleine Quizshow wie SCHÄTZEN SIE MAL, in der Kandidaten beispielsweise schätzen müssen, wie viele Eier ein Huhn im Jahr legt oder wie viel Tassen die denkfaulen ARD-Redakteure noch im Schrank haben, das kann man ja ruhig mal machen. Dazu noch den alten Alle-Formate-auf-allen-Sender-Weg-Moderierer Jochen Schropp dazu holen – fertig ist die TV-Tütensuppe! Flutscht fehlerfrei durchs Programm wie ein Zäpfchen!

579. Leitfaden zur Leitkultur (TVS 11/17) 2017-06-02T17:55:15+00:00

578. Dick oder schwanger oder beides (TV 10/17)

Der öffentlich-rechtlich-niederländische Fernsehsender NPO3 hat kürzlich eher ungewollt einen riesigen TV-Skandal auf die Beine gestellt. In der großen Samstagabend-Show NIMM DEINE BADESACHEN MIT aus dem Schmelztiegel der stets mit Überschreitung der Geschmacksgrenzen experimentierenden Hollandkäse-Produzenten von Endemol kam es zu einer (späteren Angaben zufolge satirisch gemeinten) Vorurteile-Rate-Runde mit dem Titel DICK ODER SCHWANGER? Zu letzterer Frage wurde eine korpulente junge Frau auf einen Drehteller gestellt und von vier anwesenden Macho-Juroren spaßvögelig justiert und bewertet, zB mit dem Vorschlag, Kindergeräusche nachzumachen und zu schauen ob die Brüste anschwellen und Milch einschießt. Am Ende war Lady Moppel dann allerdings doch nur unaufgepumpt einfach so dick aus rein persönlichen Gründen, was zu großer Belustigung führte, auch wenn dem Großteil der Zuschauer das Lachen im Halse steckenblieb und sich mit dem säuerlichen Geschmack von kalt Erbrochenem mischte. Spätere Raterunden auf der Delinquenten-Drehscheibe brachte dann Fragen wie NIEDERLÄNDER ODER DEUTSCHER (für beide Seiten beleidigend) und BAUARBEITER ODER POLE (beides hoch anständige Berufe). Trotz fernsehfreundlicher und Quoten-pushender Vorzüge wie Chauvinismus, Rassismus und genereller Menschenfeindlichkeit wurde die Sendung wegen der anhaltenden Proteste unlustiger Gutmensch-Holländer bereits abgesetzt.

Für uns eher unverständlich, trifft das Format doch im Grunde genau den Geschmack des Qualitäts-entwöhnten Stumpfglotz-Publikums sowie den aktuellen zynischen Zeitgeist, so man es nicht satirisch missversteht. Komplexe Sachverhalte bis zur Unkenntlichkeit vereinfachen, auf den ersten Blick einordnen und sich eine Meinung bilden – das alles ist heute wesentlich populärer  als lähmendes Hinterfragen, zeitaufwändiges Analysieren oder einschläferndes Nachdenken. Wäre ich RTL, ich würde diese Show-Idee direkt aufgreifen: KATALOGISIER MIR! Dann noch irgend so eine bärtige Smartgrinsmaschine ins Studio gestellt, die sich an bedruckten Moderationskarten festhält und über einfach alles ungefragt kaputtlacht, dazu die Sackkarre voll der üblichen Verdächtigen aus den Dschungel- und DSDS-Restmülltüten als Shit-Laber-Jury vom großen Promi-Popeln weg direkt aufs Sofa gekippt – Fertig! Und zeitgemäße Frage-Paarungen für unser Publikum dürften ja wohl kein Problem sein: Promi oder Prostituierte? Arsch oder Gesicht? Ausländer oder Anständiger Deutscher? Asylant oder Vergewaltiger? Demokrat oder Diktator? Stammtisch-Nazi oder AFD-Politiker? Bettler oder Grieche? Finanzdienstleister oder Straßenräuber? Betreutes Wohnen oder Schwiegertochter Gesucht? Schimpanse oder TV-Redakteur? Hooligan oder Flugbegleiter? Bulimie oder Top-Model? Schlecht gelaunt oder Krebs? Hund oder Herrchen? Mensch oder Politiker? Merkel oder Wachsfigur? Jesus oder Martin Schulz? Gott oder Seehofer? Trump oder Süßkartoffel? Dumm oder Dümmer? Müsste bei uns doch eigentlich ein Erfolg werden…

 

Emotionale Insel

Innovations-Sender RTL2 hat sich aus England ein Format gesichert, das mit einer noch nie dagewesenen Grundidee aufwartet: Männer und Frauen sollen zu möglichen Paaren verkuppelt werden! Wow. Doch nicht genug der Neuartigkeit: das ganze wird über einen längeren Zeitraum mit Kameras beobachtet und täglich gesendet – wie bei BIG BROTHER, nur diesmal draußen. Nämlich auf einer Insel, so wie bei ADAM SUCHT EVA, nur halt mit Sachen an (meistens). Das heißt im Original LOVE ISLAND – bei uns wahrscheinlich LUDER SUCHT LAKEN oder DIE LIEBESINSEL DER SCHWACHMATEN.

Rechtsfreier Raum

Schlechte Zeiten für die Gerechtigkeit: SAT 1 befreit sich zum ersten Mal seit 1999 komplett von sämtlichen Gerichts-Shows! Auch wenn schon lange nichts mehr neu produziert wurde, so durften die alten Kamellen von Babsi Salesch und Alex Hold doch immer noch als schwammiges Füllmaterial zwischen dem restlichen Programm-Gammelfleisch dienen. Jetzt aber hat es sich ausverhandelt und die beiden Fake-Rechtssprecher können nur noch nachts die Schlafgestörten auf SAT1 Gold in die Hirnstarre langweilen. Abführen! Revision abgewiesen!

Spielende Kinder

Es gibt ja kaum was Herzerwärmenderes, als fremden Kindern beim Spielen zuzuschauen, vor allem wenn die richtig schön wild und laut sind. Also jetzt nicht für mich, aber irgdendwem scheint das wohl zu gefallen. Denn in Israel läuft das Format namens PLAY DATE ziemlich erfolgreich, bei dem täglich im Wechsel verschiedene Eltern versuchen, für eigene und fremde Kinder einen ganz tollen Spieltag zu veranstalten. Und das soll jetzt demnächst auch in Deutschland passieren, voraussichtlich in SAT oder KABEL 1. Wird wahrscheinlich beim Eierlaufen ausgespielt und der Verlierer muss es nehmen!

578. Dick oder schwanger oder beides (TV 10/17) 2017-05-05T22:44:16+00:00

577. Der Tag, an dem das Fernsehen starb (TV 09/17)

Es gibt Momente in der Geschichte, die alle Menschen in der kol-lektiven wie individuellen Erinnerung vereinen. Meist handelt es sich dabei um Katastrophen, Attentate oder sonstige globale Schock-Meldungen. Der Mord an John F. Kennedy, die Terror-Anschläge des 11. September, die Wahl von Donald Trump – fast jeder weiß ganz genau was er wo tat, als er die Nachricht darüber empfing. Und so wird sich auch jeder noch in Jahr-zehnten mit Schrecken daran erinnern, was er gerade in der Nacht vom 28. zum 29.3.2017 machte, als um 0 Uhr plötzlich ganz unerwartet der Fern-sehschirm in Dunkelheit getaucht wurde. Einige freuten sich auf den Be-ginn einer weiteren heiter-interessanten Panzer-Parade in den mitternächtli-chen World War II – Dokus von ZDF History oder einem der vielen Nach-richtensender mit N im Namen, andere auf die Wiederholung des eben ge-sehenen Hauptabendprogramms, wieder andere öffneten just entspannt die Hose, um auf SPORT 1 den ersten Sexy Clips flankiert von animierender Werbung für lüsternen Festnetz-Telefonsex mit unansehnlichen Domina-Rentnerinnen jenseits der 65 entgegen zu fiebern. Doch dann der Schock – alles schwarz! Kein Bild, kein Ton. Kein ‚Ruf mich an‘, kein Hitler, kein gar nichts.

Gut, ein paar ganz wenige supergenaue Schlaumeier hatten es durch einen der unzähligen Berichte während der letzten Monate vielleicht mitbe-kommen und streberhaft vorgesorgt. Den überwiegenden Rest allerdings, der ehrlich und gewissenhaft wie immer jegliche Warnung und Aufklärung standhaft ignorierte, traf es wie ein Schock: Wie aus dem Nichts wurde der bisherige TV-Antennenbetrieb via DVB-T umgestellt auf das ultramoderne DVB-T 2. Eine vollkommen unnötige und inhaltlich sogar gefährliche Än-derung, erlaubt diese nämlich nun den Empfang der meisten Fernsehpro-gramme in hoch auflösendem HD – was auch bedeutet, dass man das ganze Elend jetzt fehlerfrei in bester Qualität ertragen muss, ohne die schützende Hand der verwaschenen Unschärfe, die so manch furchtbares Bild bislang gnädigerweise nur schwer erkennbar auf die Mattscheibe flimmern ließ. Noch unschöner allerdings ist die Tatsache, dass quasi alle mehr als ein Jahr alten Geräte mit der neuen Technik nicht mehr zurechtkommen und gepflegt in die Bio-Tonne gedrückt werden können. Zur Anschaffung neuer Receiver und Fernseher kommt zudem noch die erfreuliche Neuerung, dass – neben der absolut gerechtfertigten und vom Publikum hoch geschätzten GEZ-Gebühr für die hervorragenden und stets zu lobenden öffentlich-rechtlichen Qualitätsprogramme (Zwinkersmiley) – jetzt auch von den doo-fen Privatsendern eine Gebühr von ca 70 Euro jährlich für den Empfang erhoben wird, sonst bleibt die Kiste düster. Zählt man all diese monetären und verkomplizierenden Hürden zusammen, verwundert es nicht dass bis-her noch nicht einmal 20 Prozent der Betroffenen das große Spiel der unge-fragt aufgezwungenen Fernseh-Verschönerung mitspielen. Der größte Teil verzichtet einfach dankend auf die neueste Nötigung, nutzt Internet, Streaming-Dienste oder freiwilliges, ehrliches Pay-TV, liest wieder mal ein gutes Buch oder eine alte TV-Zeitschrift oder lebt einfach so sein eigenes Leben. Das Fernsehen ist schon so lange dabei, sich selbst abzuschaffen – da muss man dem dahinsiechenden Selbstmord ja wirklich nicht bis zum letz-ten Röcheln zuschauen!

Heißer Scheiß

Ein Alptraum wird wahr: In seinem unkontrollierbaren Recycling-Wahn hat der Innovation-Allergiker RTLplus angekündigt, auch den unerträglichen Game-Show-Horror-Klassiker DER PREIS IST HEISS wieder auferstehen zu lassen, in dem ein hysterisch schreiendes Publikum aus konsumgeilen Shopping-Monstern ohne Hirn im Warenkorb genötigt wird, wahllose Produktpreise zu memorieren. Wolfram Kons soll diesmal das sprechende Walross Harry Wijnvoord spielen und lernt gerade fleißig holländischen Akzent. Ob Marktschrei-Legende und Fast-Bundespräsident Walter Freiwald zum Mitbrüllen aus der Geschlossenen entlassen wird, ist bislang noch nicht bekannt.

Nacktes Grauen

Wenn ein verzweifelter Privatsender wie SAT 1 ernsthafte Konsumkritik äußern möchte, sieht das so aus: einem armseligen Häuflein Menschen wird die Wohnung leergeräumt und die Kleidung gemopst. Dann sind sie erst mal komplett nackig, hihi, und damit ist das wichtigste Quotenargument schon mal abgehakt, denn die Sendung heißt schließlich ja auch NACKTES ÜBERLEBEN. Dann gibt es jeden Tag ein Luxus-Leckerli zurück und dazwischen wird ganz viel dummes Zeug gelabert – unterbrochen von ausgedehnten Werbeblöcken mit allerlei stolz präsentierten Konsumgütern. Am Ende wird noch mal staunend intellektuell reflektiert, dass man ja im Leben echt gar nicht so viel braucht wie man so hat. Stimmt, aber ein bisschen mehr Verstand und Menschenwürde sollte man sich schon leisten dürfen!

Einsame Wirte

RTL2 hat vielleicht kein Herz für intelligente Zuschauer, dafür jedoch umso mehr für ungepoppte Randgruppen-Singles. Jetzt helfen sie deshalb den alleinstehenden Gastwirten auf die Sprünge und suchen für sie ein paar passende GV-Gesellinnen. WIRT SUCHT LIEBE heißt der kauzige Verkupplungsversuch nach altbekannt langweiligem Muster, präsentiert in deutsch-ähnlichem lustigen Kauderwelsch von Brigitte Nielsen. Wie heißt ein altes Sprichwort: Wer nichts wird, wird Wirt. Und hast du dann noch Pech dabei, sehen wir dich bei RTL2!

577. Der Tag, an dem das Fernsehen starb (TV 09/17) 2017-04-22T01:16:44+00:00

576. Die Evolution des Fernsehens (TVS 08/17)

Das Fernsehen. Besser gesagt: das Fernsehgerät. Was dieser kleine Schlingel doch für eine verrückte Entwicklung gemacht hat! Die ganz schön Älteren werden sich vielleicht noch erinnern, wie die ersten klobigen Glotzwürfel in den 50er Jahren aussahen, quasi wie heute eine sehr altmodische kaputte Mikrowelle. Das Bild war klein, schwarzweiß und flimmerte furchtbar. Was allerdings dadurch erträglich blieb, dass es so gut wie keine Inhalte zu zei-gen gab, die ein besseres Bild erfordert hätten, denn meistens saßen nur di-cke alte Männer in einem kargen Studio und laberten bedächtig vor sich hin.Das änderte sich in den frühen 60ern, als plötzlich ein zweites Pro-gramm wie der Blitz in die monopolistische Mini-Medien-Wüste einschlug: ARD 2! Was allerdings schon sehr bald zum gloriosen ZDF umgeändert wurde. Spätestens jetzt wurde es unübersichtlich – der Zuschauer musste sich entscheiden, er brauchte TV-Zeitschriften, es gab Konkurrenz, die Pro-gramme begannen bereits am frühen Nachmittag und gingen manchmal so-gar fast bis Mitternacht. Eine ungesunde Entwicklung für den Zuschauer, der diese erfreuliche Ablenkung allerdings nur allzu gerne über sich erge-hen ließ – obwohl bis 18 Uhr ja eigentlich gearbeitet oder für die Schule ge-lernt werden sollte. Die Gehirne wurden also kleiner, die Fernsehgeräte al-lerdings langsam immer größer. Manche sperrte man gar in komfortable ab-schließbare Kisten, damit Frau und Kinder nicht unbewacht Unfug schauen konnten. Nicht selten zierte eine schmucke Zimmerantenne ihr Haupt wie ein kecker Chapeau, an der gar gern und oft geruckelt wurde, um die zitte-rig-verschlierten Wackelbilder einigermaßen stabil zu halten. Am 25.8.1967 wurden diese sogar farbig, nachdem Kanzler Willy Brandt ver-sehentlich bei der IFA auf einen großen roten Zauberknopf gedrückt hatte. Die Aussicht auf den quietschebunten Augenschmaus ließ die TV-Geräte größentechnisch immer mehr aufquellen, und die Ehegattin wurde als le-bende Fernbedienung durch eine elektronische abgelöst.
Mitte der 80er hielten die ersten zaghaften Versuche der Privatsender Einzug in die bundesdeutschen Haushalte, und die darauf folgenden 90er bescherten dem Medium das goldene Zeitalter: die privaten TV-Stationen schossen wie Pilze aus den Füßen und geizten nicht mit Geld und kreativem Überschwang. Jeder wollte zeigen was er konnte und wie er das zunehmend schnarchige Medium revolutionieren würde. Wir wissen inzwischen: das meiste davon ging mit Karacho in die Hose, aber zumindest der Wille war da! Die Geräte schlossen sich dieser Innovationsfreude nur zu gerne an: der wuchtige Fernsehklotz mit dem fetten Arsch von einst war passé, dank so mancher Schönheits-OP zeigte er sich nun sexy mit breiterem Lächeln, schmalerem Hintern und dickerer Sound. Geilomat.
Inzwischen hat sich alles noch einmal gedreht. Fernsehgeräte gibt es kaum noch, an den Wänden hängen feiste Flatscreens mit der Figur eines magersüchtigen Top-Models und der Größe einer früheren Bahnhofskino-Leinwand. Nur der Inhalt hat sich verabschiedet, denn Herz und Nieren des einst so gesunden Lebenssystems haben sich durch Gier und Übermut selbst verkrüppelt. Der ehemals mediale Volksempfänger wird zunehmend zur reinen Abspielstätte externer Inhalte, während die einst lebenswichtigen Sender tüchtig an ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit arbeiten. Womit das TV-Gerät die erste Spezies sein dürfte, die gelernt hat, getrennt von ihrem eigentlichen Organismus zu existieren. Die Evolution sagt: Herzlichen Glückwunsch!

Scandalo Italiano

Im italienischen Fernsehen gab es auf RAI-1 gerade etwas Aufregung wegen einer Talk-Show, die über die Vorzüge von osteuropäischen Frauen gegenüber den langweiligen einheimischen Moppelschnitten informieren sollte. Denn – so stellte es sich dort heraus – die sind gute Hausfrauen, treu und sexy, wimmern und schmollen nicht, verzeihen Fremdgehen und tragen zuhause Minirock statt Jogging-Anzug! Dazu gab es noch ein paar protzige Puffgeschichten von Promis, nur leider keine Preislisten und Bestelladressen. Das führte zu einem immensen Shitstorm gegen den Sender und der sofortigen Absetzung des Formats. RTL hat bereits Interesse für die deutsche Adaption angemeldet.

Schul-Stress

SAT 1 bringt uns eine modrig-frische brandneue Idee, die es erst ganz oft schon vorher gab: Kinder im Wettstreit gegen Erwachsene! Wow. Diesmal mit Luke Mockridge als Moderator und dem ungemein schmissigen Titel LUKE! DIE SCHULE UND ICH – VIPS GEGEN KIDS! Bis der Titel fertig ausgesprochen ist, ist die Sendezeit allerdings vorbei, daher merken wir uns lieber LDSUIVGK – ist einfacher und klingt besser. Es geht um Schulwissen, aber auch ‚körperliche und künstlerische Ertüchtigung‘, was mir schon als Ankündigung Angst macht. Empfehle daher lieber die große Pause um mal richtig abzuschalten!

Eltern-Dating

RTL meint es bekanntermaßen nur gut mit seinen Zuschauern und kümmert sich wieder mal darum, ungepoppte Singles zur möglichen Koital-Verbindung miteinander zu verkuppeln: MEET THE PARENTS! Wie der Titel schon andeutet trifft diesmal allerdings immer ein Alleinstehender auf die Eltern des möglichen zukünftigen Knatter-Kumpels, wobei Mama & Papa für ihr Kind mit Schmackes die Werbetrommel rühren sollen. Und jeder weiß, was dabei nur rauskommen kann… Freuen wir uns auf neue Endgegner-Level im Game of Fremdscham!

576. Die Evolution des Fernsehens (TVS 08/17) 2017-04-08T00:26:03+00:00

575. Ich bitte um Aufmerksamkeit! (TVS 07/17)

Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des Menschen hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten immens verringert. War man früher noch in der Lage, ganzen Sätzen mit Subjekt, Prädikat und manchmal sogar Objekt vom Anfang bis zum Ende mental zu folgen, so ist man heute… Hallo? Lesen Sie überhaupt noch mit? Okay, ich mach’s kürzer: sehen Sie sich mal Filme oder Serien von damals bis in die späten 80er an. Lange Autofahrten von A nach B und zurück plus Tanken. Langweilige Landschaftsaufnahmen von teilweise sehr langweiligen Landschaften. Rauchende Menschen, die ernst und stumm einander anschauen. Nachdenkliche Gesprächspausen, in denen man bequem das große Geschäft erledigen konnte. Selbst der Trailer eines Actionfilms aus den Siebzigern war langsamer erzählt und geschnitten als heute eine komplette Folge der LINDENSTRASSE. Auch wenn das eigene Leben vielleicht stinklangweilig ist – auf Leinwand und Bildschirm sind wir inzwischen gewohnt, mit gedrücktem Schnellvorlauf zu schauen!

Bücher und Zeitschriften waren früher eng bedruckt, um das Lesen an sich zu einem Moment der intellektuellen Selbst-Geißelung werden zu lassen. Bilder waren ein seltener Bonus, bunt kostete extra, aber man sollte auch nicht zu sehr vom Text abgelenkt werden. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, uns meist schon mit einem knalligen Foto plus Überschrift zufrieden zu geben, an guten Tagen nimmt man vielleicht noch die Unterzeile oder das Fazit im letzten Absatz mit. Online-Dienste wie Instagram und Snapchat haben den jungen Menschen derweil endgültig bewiesen dass Worte, Inhalt und Reflexionszeit letztlich sogar komplett überflüssig sind. Twitter als internationales Kommunikationsmedium, bei dem keine Nachricht mehr als 140 Zeichen haben darf, zeigt dass die einstige Kurzsprech-Horrorvision aus Orwells BIG BROTHER auch Spaß machen kann, wenn man ein #Hashtag und lustige Emojis vor wichtige Worte setzen kann. Und spätestens seit der geistig ähnlich stark limitierte US-Präsident Trump seine Privat-Fehden und Staatsgeschäfte über den Zwitscherdienst verrichtet, dürfte es bis zur ersten 140-Zeichen-#DoktorArbeit nur eine Frage der Zeit sein (Zwinkersmiley!).

Wer noch bis an die Zeit vor den Neunzigern zurück denken kann, der wird sich daran erinnern, dass selbst im Radio damals viel geredet wurde. Es gab so genannte ‚Wortbeiträge‘, die sich länger als eine Minute dreißig Sekunden um ein Thema drehen durften, dabei häufig sogar ganz ruhig und unaufgeregt gesprochen und nicht immer so als drohe man vor lauter überkokster Fake-Fröhlichkeit während des nächsten Satzes laut lachend zu explodieren. Um die störenden Sprachanteile zwischen Musik und Werbung noch weiter zu kürzen, werden die ersten Funk&Fun-Stationen demnächst wahrscheinlich nur noch Emotions-Angebote als Befehle zwischen die Titel gebrüllt: Lachen! Mitgefühl! Wow, voll unglaublich! – Dürfte keinen großen Unterschied mehr machen.

Das Gehirn des Menschen ist ein faszinierendes Organ. Es ist zu unbeschreiblich komplexen Gedankengängen und großen kreativen Schöpfungen fähig. Je mehr man es benutzt, desto unbegrenzter sind seine Möglichkeiten. Aber wie ein verspielter Welpe kann es mit einem Stück Wurst und einer Quietsche-Ente stundenlang abgelenkt und eingelullt werden, denn am liebsten liegt es schlafend auf dem Rücken und sabbert. Konzentration strengt irgendwie auch an und Anstrengung ist altmodisch. Ich bitte deshalb um Entschuldigung für diesen ekelhaft langen Text. Das Arsch-Selfie eines lachenden Promi-Models aus dem Urlaub hätte auch gereicht. Ich bete zu Gott, dass Sie nicht wirklich alles gelesen haben!

Kommt mit!

Die geheimen Weltherrschafts-Fantasien der Öffentlich-Rechtlichen hören nicht auf: auch wenn die schunkelnde Infanterie der LUSTIGEN MUSIKANTEN und des MUSIKANTENSTADLs schon lange nicht mehr in die Welt ausrückt, um fremde Länder mit deutschem Unterhaltungs-Horror zu terrorisieren – das ZDF gibt nicht auf! Denn der ZDF-FERNSEHGARTEN begnügt sich nicht mit der einschläfernden Einlullung der früh dösenden Einheimischen, sondern gräbt jetzt auch auf Fuerteventura um und sendet im April den frischen Unterhaltungs-Dung, um auf den Sommer einzustimmen. Während im Hintergrund weiter die internationale Entertainment-Invasion geplant wird.

Schmeißt weg!

Früher hat man alten Kram auf dem Flohmarkt verscherbelt, doofen Verwandten zu Weihnachten geschenkt oder einfach irgendwann weggeschmissen, heute macht man Fernsehsendungen daraus. Trödel-Shows boomen wie verrückt, auch wenn keine Sau versteht, warum eigentlich. Auf jeden Fall erwartet uns nach BARES FÜR RARES auf ZDFneo demnächst das neue Krimskrams-Quiz CLEVER ABGESTAUBT mit Steven Gätjen und auf RTL2 zusätzlich zum alt bewährten TRÖDELTRUPP nun auch noch SCHÄTZ DICH REICH – DAS TRÖDEL-QUIZ mit Moderiermaschine Giovanni Zarrella. Willkommen beim Mülltüten-TV!

Malt an!

Der einstige Frauensender SIXX wird mehr und mehr zum Spezialsender für farbig geritzte Körper-Krickeleien. Freitags jedenfalls gibt es demnächst Tattoo-Formate nonstop vom frühen Abend bis in die tiefe Nacht: Erst INK MASTER, dann TATTOO SHOCKERS gefolgt von BODYSHOCKERS und zwei Folgen TATTOO NIGHTMARES – danach die ganze Schleife noch mal wiederholt und am Ende gekrönt von HORROR TATTOOS. Wer sich danach nicht laut schreiend selbst mit einem heißen Filzstift die Genitalien bemalt und die Perso-Nummer in den Hintern ritzt, hat nichts begriffen!

575. Ich bitte um Aufmerksamkeit! (TVS 07/17) 2017-03-25T01:16:00+00:00

Oliver Kalkofe